Es war wie immer. Pünktlich zum ersten Januar öffnete die vereinte Medienwelt ihre Ratgeberfüllhörner. Um Vorsätze ging`s. „Gute Vorsätze – 2008 wird das Leben einfacher“ orakelte die Online-Ausgabe der Zeitung „Die Welt“ und servierte zehn Evergreens, wie Mann und Frau der Prophezeiung „ohne allzu große Mühe“ nachkommen. Unter den Top Ten: „Prioritäten setzen“, „Wohnung entrümpeln“ oder „Finanzen ordnen“. Sprachlich so lecker verpackt wie „Zerknitterte Frisur? Mit diesem Föhn nicht“. Das Taufrischeste am Text: die Zahl 2009. Der Rest firmiert unter altbekannt.
Das aber ist nicht der Punkt. Sondern, dass der Leser bei derart aufgewärmten Phrasen weiterblättert, weil sein Gehirn einen Aufnahmestopp verhängt. Getreu dem Motto: Hundertmal probiert, hundertmal is nix passiert. Oder fehlt ihm vielleicht der gute alte Berge versetzende Glaube? War das Ziel nicht klar gesetzt und leuchtete wie ein Fixstern am Firmament. Laut Bestseller-Autorin Vera F. Birkenbihl werden ansonst nämlich „unsere Energien gebündelt auf diese Ziele gerichtet“. Wiederum andere Ratgeber berichten, Ziele seien Magneten, die den Erfolg anziehen. Und der Magnet, lernt der Leser, sitzt im Kopf des Menschen. Also immer positiv denken. Und den Willen nicht vergessen. „Wenn Du dich entschlossen hast, deinen Weg zum Ziel zu gehen, gib niemals, niemals auf“, rät Reiner Kreutzmann, der eine Wissensdatenbank rund um Ziele und Zeitmanagement unterhält.
Fehlen der deutschen Nation also Klarheit, Wille, Glaube und Disziplin? Sind Medien und Ratgeber einsame Mahner in der Wüste? Mitnichten raunt es aus den Reihen weniger populärer Ratgeber. Wenn Mensch mal ehrlich sei, wisse er sehr wohl, was ihn vorwärts bringt oder behindert. Dabei ist noch am banalsten, dass alle die mit den Finanzen hadern, wissen, dass sie einen Finanzplan brauchen. Und wer ständig Torte futtert, weiß, dass er es besser sein lässt. Das ist so wie: Ist das Fenster im tiefsten Winter auf, wird das Zimmer kalt. Und dass der Vorsätzler ohne allzu große Mühe ganz fest an sein Ziel glaubt und niemals, niemals aufgibt, ist ihm eben nicht möglich.
Was auch jeder weiß, aber nicht wahrhaben will und darum doch mal „Die Welt“-Evergreens nach lockerleichten Turborezepten abgrast: Vorsätze einlösen heißt sich ändern. Sich ändern bedeutet Arbeit. Arbeit heißt etwas loslassen und anfangen. Und zwar so: Auf die Füße stellen, handeln und Erfahrungen machen. Diese Vorsatzmagie gelingt dem am besten, der bei sich im Hinterstübchen kramt und ans Licht zieht, warum er eigentlich bei schlechtem Familienklima spät heimkommt, und das im Prinzip gern, sagen unpopuläre Ratgeber. Sprich: Finde den Nutzen deiner Marotte raus. Kollege Müller ist eben immer noch ein Hektiker, wenn er damit vorm Chef punktet. Und nicht nur vor dem: Viele Vorgesetzte wollen den engagierten Sieger sehen, nicht dass der Mitarbeiter in aller Gelassenheit klar kommt. Das ist unspektakulär. Denkt sich auch Meier und liest dann pünktlich zum ersten Januar den Ratschlag „Prioritäten setzen“ oder „Glaube an Dein Ziel“. Was tut er damit? Nichts. In seinem Fall muss er schon kreativ werden, um die Situation zu ändern. Und das macht Arbeit. Wenn er dann noch seinem Fixstern folgt „Ich will mit dem Chef, meiner Familie und mir klarkommen“ und seine Energien bündelt, dann versetzt er tatsächlich Berge. Fazit: Vom Glauben allein steigt kein Jesus vom Kreuz. Sich kennen, glauben und handeln, das ist die Maxime.
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